Therapie
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Auf der Couch: wie erkenne ich eine gute Psychotherapie?

„Psychotherapie ist so gut, jeder sollte eine machen!“ Das war der Leitspruch in den 1960iger Jahren. Wer was auf sich hielt, begab sich auf die Couch. Doch woran erkennt man überhaupt eine gute Psychotherapie? Woher weiß ich, ob die Couch, auf der ich liege, die richtige für mich ist? Hier sind ein paar Tipps für dich, um die Gewissheit zu erlangen, dass du in den richtigen Händen bist.

Vor ziemlich genau fünf Jahren begann ich meine erste Psychotherapie. Die Wahl war recht leicht: der Psychotherapeut, den in nach unzähligen Versuchen bei diversen anderen an die Strippe bekam, hatte Zeit. Das war für mich das entscheidende Kriterium, denn ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine mehr. Allerdings geriet die Psychotherapie von damals zur reinsten Tortur für mich. Jede Woche zur gleichen Zeit hab ich nur geweint und kam verunsicherter heraus, als ich reinging. Er vermittelte mir in einer Tour, dass ich wohl was ändern müsse, damit es mir besser geht, dass ich eigentlich keine Probleme hätte mit meinem festen Partner und meinem sicheren Job und, dass mir eigentlich die Welt offen stünde, ich müsse nur endlich loslaufen. Sollte etwa alles meine Schuld sein? Hatte ich etwas nicht begriffen? Ich hatte das Gefühl, dieser Mann mit seinem Schreibblock auf dem Schoß würde eine Querschnittsgelähmte anbrüllen, sie solle endlich aufstehen, sie habe doch schließlich Beine.

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Ich blieb in der Therapie über 20 Sitzungen und ertrug die Ansichten dieses Psychotherapeuten, aus 2 Gründen: zum einen ging es mir richtig dreckig, ich brauchte Hilfe und mir war klar, dass die Suche nach einer neuen Psychotherapie Monate fressen kann. Wie sollte ich diese Zeit überbrücken? Zum anderen hatte ich keine Ahnung von Psychotherapie. Ich betrachtete den Psychotherapeuten wie einen Arzt, den man vertrauensvoll zur Behandlung aufsucht. Ich dachte, der muss sich als Fachmann auskennen, vielleicht denke oder fühle ich tatsächlich falsch. Heute weiß ich es besser und würde nie wieder ausharren und mich zum Durchhalten ermahnen in der Hoffnung, dass es mir mit der Zeit besser geht. Denn eine Psychotherapie zu machen, heißt noch lange nicht, auch eine gute Psychotherapie machen. Was ich im Zuge dieser und weiterer Erfahrungen über Psychotherapie gelernt habe, lässt sich als Qualitätsmerkmale auch für dich heranziehen vor dem Hintergrund, dass eine Psychotherapie nur ein einziges Ziel hat: dich stabil und im besten Falle gesund machen!

Psychotherapie steht und fällt mit dem Psychotherapeuten!

Wie Friseure gut oder schlecht Haare schneiden, so sind auch Psychotherapeuten gut oder schlecht in ihrer Behandlung. Ein Diplom und die dazugehörige Ausbildung in einem Psychotherapieverfahren garantieren leider nicht, dass man in den besten Händen mit seinen Problemen ist, und wie in jedem Lebensbereich gibt es auch hier hochgradige Arschlöcher. Deshalb gilt die goldene Regel, und das immer und ohne Einschränkung: lass dir nichts absprechen und höre auf deinen Bauch!

Psychotherapie

Ein guter Psychotherapeut hört dir zu und gibt dir Raum. Er begegnet dir mit Verständnis und Wohlwollen. Er gibt dir zu verstehen, dass du die Hauptperson in deinem Prozess bist. Psychotherapie ist keine Bühne zur Selbstinszenierung, auf der der Psychotherapeut dir vorträgt, wie die Dinge oder du zu funktionieren haben. Sie ist ein Rahmen, der dich und deine Befindlichkeiten und Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt. Wenn du in deiner Psychotherapie ein Gefühl dafür bekommst, wie wertvoll es ist, einen Menschen zur Seite zu haben, der eine Stunde pro Woche nur für dich da ist, dem du alles frei und rückhaltlos sagen kannst und dir dann auch noch wichtige Impulse gibt, dann bist du an der richtigen Adresse.

Hinzu kommt, dass ein guter Psychotherapeut neugierig ist und sich weiterbildet. Er nimmt regelmäßig an Supervision und Intervision teil, besucht Fachvorträge und tauscht sich mit Kollegen aus. Er ist interessiert an seinem Fachgebiet, ähnlich wie der Friseur, der sich mit den neuesten Trends der Haarmode beschäftigt. Nur weil ein Psychotherapeut schon ewig praktiziert und Jahre der Erfahrung auf dem Buckel hat, muss er nicht gut sein. Viele Psychotherapeuten werden mit ihrer Berufspraxis altersmüde und betriebsblind. Ein Psychotherapeut, der gerade in der Ausbildung ist und obligatorisch Qualitätsstandards einhalten muss, ist ein bereits absolvierter Psychologe oder Arzt und trägt genug Feuer in sich, um seinen Beruf als Berufung zu verstehen. Ich selbst war 3 Jahre lang Patientin eines Psychotherapeuten in Ausbildung und fühlte mich sehr gut aufgehoben.

Psychotherapeutische Schnupperstunden

PsychotherapieUm sich kennenzulernen und ein Gefühl für dein Gegenüber zu bekommen, sind die sogenannten probatorischen Sitzungen gedacht. In diesen ersten 5 Sitzungen führt der Psychotherapeut die Anamnese mit dir durch und stellt deinen Therapiebedarf fest. Er diagnostiziert das Krankheitsbild und lotet aus, ob deine individuellen Zielsetzungen mit seinem Psychotherapieverfahren erreichbar sind. Im Rahmen dessen kannst und sollst du überprüfen, ob du dir die Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Psychotherapeuten vorstellen kannst. Wenn du Fragen hast oder sich etwas nicht stimmig für dich anfühlt, hab keine Scheu, dies mit ihm zu besprechen. Dafür ist er da! Eine Psychotherapie ist eine sehr intime Form der Heilbehandlung. Du gehst eine höchst persönliche Beziehung zu einem anderen Menschen ein, die auf lange Sicht ohne eine solide Vertrauensbasis nicht auskommt. Du darfst auch „Nein, danke“ sagen!

Hast du den Einstieg geschafft und bist bei dem Psychotherapeuten deiner Wahl in Behandlung, gibt es überdies noch weitere Kriterien, an denen du den Erfolg deiner Psychotherapie ablesen kannst. Es macht Sinn, im Laufe dieser immer wieder zu überprüfen, was du bisher erreicht hast, wo du stehst und was die nächsten Themen sind.

Qualität setzt sich durch – immer!

Folgende Anhaltspunkte für eine gute Psychotherapie, an denen du dich entlang hangeln kannst, möchte ich dir an dieser Stelle mitgeben:

Verbesserung deiner Symptomatik: Haben sich deine Symptome positiv verändert? Fühlst Psychotherapiedu dich körperlich und psychisch stabiler? Hat sich dein Leidensdruck verringert? Kannst du besser schlafen, besser essen, sind Schmerzen geringer geworden?

Erreichung persönlicher Ziele: Fällt es dir leichter, am Leben wieder teilzuhaben? Hast du geschafft, was dir wichtig war? Hast du an Lebensqualität hinzugewonnen? Verlange dir nicht zuviel ab, sei geduldig und liebevoll mit dir! In einer Psychotherapie macht man kleine Tippelschritte, das ist völlig normal und ok. Dein Leben wird nicht von heute auf morgen eine 180-Grad-Biege machen, die Veränderung schleicht sich ganz sachte und heimlich ein. Wahrscheinlich wirst du erst in deinen Rückschauen feststellen, was sich alles gebessert hat und, dass du auf deinem dir richtigen Weg bist.

Geringere Beeinträchtigungen in den verschiedenen Lebensbereichen: Funktioniert dein Alltag wieder besser? Kannst du vielleicht wieder arbeiten gehen? Wie sieht es mit deinen häuslichen Pflichten aus? Haben sich deine sozialen Beziehungen zu Familie und Freunden erholt? Hast du vielleicht neue Menschen auf deinem Weg hinzugewonnen? Wie sieht deine Freizeit aus? Hast du etwas Neues entdeckt, dass dir Freude macht und Kraft schenkt, vielleicht eine Sportart oder eine kreative Beschäftigung?

Einnahme von Medikamenten: Je nach Diagnose und Schwere der psychischen Erkrankung können Medikamente zur Unterstützung deiner Behandlung beitragen. Diese sind kein Muss, allerdings sorgen sie in manchen Fällen für eine gewisse Therapiefähigkeit (lies hierzu den Artikel „Antidepressiva & Co: Ja?! Nein?! Vielleicht?!“ ). Kommst du gut mit der Medikation zurecht? Kannst du im Laufe deiner Psychotherapie die Dosis schon reduzieren oder vielleicht ganz darauf verzichten?

Lass dir zum Schluss von einer erfahrenen Ex-Patientin gesagt sein:

Psychotherapie ist kein Armutszeugnis! Es erfordert Mut, sich der eigenen Erkrankung zu stellen und sich für ein besseres Leben zu entscheiden! Und deine Stärke hast du im Aushalten des Leidensdrucks schon längst bewiesen!

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