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Don’t worry! Ist Unglück nur ein Hirngespinst?

Ich bin ein großer Fan von allen Blogs, Foren und Webseiten, die der Selbstverwirklichung und Persönlichkeitsentwicklung verschrieben sind. Ja, ich will wachsen und gedeihen, ein glücklicher Mensch mit null Problemen sein und mich selbst hoch und runter lieben. Eigentlich müsste ich meine psychospirituelle Formvollendung schon längst erreicht haben bei all den Lebensweisheiten, die mir auf einschlägigen Selbsthilfekanälen offeriert werden. Stattdessen krieg ich bei jedem noch so gut gemeinten Ratschlag schlimmes Bauchweh. Und das aus folgenden Gründen…

Selbstgemachtes Leiden!

Unglück

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Wenn ich es ganz nüchtern betrachte, so haben wir heutzutage richtig Glück. Wir leben in einer bewusstseinsorientierten Zeit, in der immaterielle Werte und die Frage nach Sinnstiftung im Leben keine randständige Kategorie von Hippies und Jesusfreaks mehr sind. Jeder einzelne in der breiten Gesellschaft darf sich mit seinem individuellen Glück, seiner Selbsterfüllung und seiner Person als Ganzheit auseinandersetzen, ohne dass es anrüchig, egoman oder peinlich wirkt.

Da wir auf der Suche nach uns selbst oft nicht wissen, wo wir eigentlich starten sollen, kommen uns gut gemeinte Ratschläge, Sichtweisen und Handlungsempfehlungen gerade recht. Instant müssen sie sein, in einem guten Spruch verpackt, ein kleiner Weisheitshappen für jeden Tag.

Unglück

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Im besonderen Maße trifft man in der breit gefächerten Selbsthilfeszene auf die Überzeugung, dass unser Unglück hausgemacht ist. Dass wir im Außen stets finden, was wir in Inneren vor uns hertragen und das Universum in seinem Bestreben nach Ausgleich und Balance jenes widerspiegelt, was in uns selbst vor sich geht. Wenn ich keinen Partner finde, liebe ich mich nicht selbst genug. Wenn ich unter Geldmangel leide, habe ich das Gesetz der Anziehung nicht verstanden. Wenn ich mich abgelehnt fühle, umgebe ich mich mit den falschen Leuten. Und wenn ich traurig bin, dann muss ich nur rasch meine Perspektive wechseln. Kurz gesagt: ich erschaffe mein Unglück selbst und nur ich bin für mein Unglück verantwortlich.

Aber stimmt das denn überhaupt? Immer und in jeglicher Konsequenz?
Ich fühle mich in meiner Verzweiflung über das Leben, meiner Suche nach Sinn und meinem Platz in der Welt mit dieser Theorie von Glück und Unglück nicht abgeholt. Nein, im Gegenteil: ich halte diese Theorie, vor allem in ihrer didaktischen Praxis, für nutzlos und schädlich! Und ich kann dir auch erklären, warum:

Schuld und Minderwert!

Unglück

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Dass ich mein Unglück selbst erschaffe, macht mich zum Schuldigen. Nach dieser Theorie bin ich scheinbar noch nicht so weit, ich habe es noch nicht kapiert. Ich muss üben, an mir arbeiten, ich denke und fühle einfach falsch. Dieser Brocken an Schuld und Minderwert ist alles andere als unterstützend. Vielmehr hemmt er mich in meinem Bestreben, mich mit mir und der Welt auszusöhnen und damit überhaupt an der flüchtigen Brise des Glückes zu schnuppern.

Alles ganz einfach!

Die Denk- und Gefühlstransformation ist immer ganz einfach. Ich muss die Vergangenheit einfach loslassen, ich darf Verletzungen nicht zu persönlich nehmen und Zeiten des Unglücks muss ich einfach mit abgeklärtem Langmut einbalsamieren. Ganz einfach, oder? Nein, leider ist es nicht so einfach, ganz und gar nicht! Und das ist vollkommen normal und ok. Denn meine Wahrnehmung der Wirklichkeit ist abhängig von meiner Sozialisation und Erziehung, von den Grundüberzeugungen, die mir in meiner Kindheit eingepflanzt wurden, von Prägungen und Mustern, die jahrzehntelang gehegt und gepflegt wurden. Dieses Gebilde meiner Identität lässt sich nicht einfach überschreiben. Es bedarf eines Prozesses des Lernens, um mein Selbst- und Fremdbild neu zu bewerten.

Unglück

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Der kognitive Irrweg!

Richtig ist, dass wir in unseren Lebensumständen und Gefühlslagen handlungsfähig sind und aufgrund unserer Geisteshaltung an der Wahrnehmung unserer Wirklichkeit Anteil haben. Wir können unsere Perspektiven verändern. Wir sind in der Lage, uns von unliebsamen Faktoren im Inneren und Äußeren zu distanzieren und wir haben die Chance, das Bild von uns selbst zu korrigieren in dem Maße, dass wir uns selbst annehmen und wertschätzen lernen können. Wir besitzen die Fähigkeit, uns von Vergangenem zu lösen und unsere Probleme im Hier und Jetzt auf unterschiedliche Weise zu betrachten. Jedoch genügt es nicht, dem Menschen einfach zu sagen, was er zu tun hat.

Unglück

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Auf rationaler Ebene mögen wir logische Zusammenhänge verstehen und vielleicht verspüren wir auch einen Wunsch nach Veränderung oder Verbesserung in unseren Leben.
Wir wissen zwar, was uns gut tut und intellektuell verstehen wir, wie wir dahin kommen. Jedoch führen uns die kognitive Informationsaufnahme und -verarbeitung allein nicht zum gewünschten Ziel. Wer je seinen Neujahrsvorsatz schon am dritten Tag gekippt hat, weiß, was ich meine. Sich vorzunehmen, anders zu denken oder zu fühlen, ist ein Weg ins Nirgendwo. Wir können nicht einfach die Entscheidung treffen, uns plötzlich zu lieben, während sich über Jahrzehnte Minderwertigkeitsgefühle und Selbstablehnung manifestiert haben. Wo keine Hoffnung in uns ist, können wir keine Hoffnung herbeidenken.

Glück und Unglück im Spektrum

Zum einen besteht das Leben aus Erfahrungen, aus guten und schlechten. Es passieren Katastrophen – wir verlieren den Job, ein geliebter Mensch stirbt, vielleicht verlässt uns der Partner oder wir selbst müssen uns, früher als uns lieb ist, mit unserer Vergänglichkeit auseinandersetzen. Und ebenso beschert es uns wahre Wunder – die Geburt eines Kindes,  das langersehnte Wiedersehen eines Freundes, die Gelegenheit zur Beförderung oder das Überstehen einer Krankheit.

Unglück

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Zum anderen hat jeder von uns ein ganz spezifisches Denk- und Gefühlsprofil, das seinen Ausdruck durch bestimmte Reize findet. Auf einer individuellen Skala fühlen wir uns in bestimmten Situationen angegriffen oder gedemütigt, traurig, verletzt oder völlig verzweifelt. Manch ein Auslöser wird für den einen zum persönlichen Armageddon, lässt aber den anderen völlig kalt. So variabel Menschen in ihrer Resilienz und Vulnerabilität ticken, so variabel können Zustände schmerzlicher Gefühle und Gedanken gehandhabt werden.

Mit vollem Herzen leiden!

Nichtsdestotrotz gehören deine Gefühle im Hier und Jetzt ganz zu dir. Und diese Gefühle wollen gefühlt werden! Sie lassen sich nicht wegdenken, vielmehr wollen sie durchlebt und angenommen werden. Und jeder einzelne Gedanke, mag er auch noch so absurd sein, ist in dir und will gehört werden. Du musst ihm nicht glauben, aber du darfst ihn wahrnehmen und anerkennen.

Leide mit vollem Herzen und freue dich aus tiefster Brust! Genau darin liegt deine Menschlichkeit.

 

* Die Sprüche sind exemplarisch. Leider habe ich die Nutzungsrechte originaler Spruchbilder nicht erhalten, sodass mir nur eine sinngemäße Darstellung möglich war.

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