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Terror, Krieg und Angst – was tun wir? Ein Brief an die Welt

Es rumort in mir. Ich bin mir nicht sicher, ob ich schreiben sollte und was ich schreiben sollte zu den Ereignissen in Paris. Aber es rumort in mir, deshalb denk ich besser nicht lange nach, sondern schreibe auf, was in mir ist.

Wir haben den Terror schon kennengelernt, er ist nichts Neues. Er flackert tagtäglich über den Bildschirm und in der Vergangenheit spielten sich häufiger terroristische Anschläge vor unserer Haustür ab. Ich erinnere mich an den blutigen Angriff auf Charlie Hebdo. Europa stand unter Schock, dass urplötzlich, wie aus heiterem Himmel, eine ganze Redaktion ausgelöscht wurde – stellvertretend, attackiert für die Freiheit der Meinung, der Presse und der Kunst. Die Schockwelle ebbte nach Staatstrauer und Solidaritätsströmen ab. Das musste sie auch, denn in der Ohnmacht findet kein Leben statt. Und wir, die Europäer, hatten neben der Bekämpfung des Terrorismus noch mit anderen Krisen zu tun. Wir mussten verkraften, dass fette Bonzen und Banken ganze Staaten verzocken und die große Politik lieber unsere europäischen Brüder und Schwestern in Irland, Spanien, Griechenland und anderswo ausbluten lässt als der Kapitalismuskrake die gierigen Tentakeln zu stutzen. Die Eurokrise noch lange nicht bewältigt, sieht sich Europa vor der nächsten Herausforderung. Die bittere Realität von Krieg, Zerstörung und Verfolgung sowie Waffenexport, Ignoranz und Profit steht mit verängstigten und hilflosen Gesichtern vor den europäischen Toren. Menschen, die Zuflucht suchen, weil sie in ihren Heimatländern nur noch sterben können. Und mit der Welle dieser Menschen auf der Suche nach einer neuen, oder überhaupt irgendeiner Zukunft, schwappt uns gleichzeitig eine Flut von Rassismus und Menschenfeindlichkeit entgegen und droht, uns allesamt zu verschlingen. Nun dieser gewaltsame Akt in Paris, der mich erstarren lässt, und der sich irgendwie anders anfühlt.

Vom Weltkrieg ist wieder die Rede! Ist das tatsächlich wahr? Mir scheint, keiner weiß, was um uns herum geschieht, keiner hat eine Antwort. Die Politik macht sich nach wie vor einen schlanken Fuß. Da ist der Feind, den müssen wir bekämpfen, denn mit dem Krieg sichern wir den Frieden. So dachte man bislang mit allen Kriegsoperationen: nach dem Sieg über den Kommunismus herrscht endlich Frieden…wenn die Taliban erstmal besiegt ist…noch schnell Al Quaida zerschlagen und Hussein stürzen…Assad…IS…und danach? Kommt dann der Frieden? Die Bundeswehr bereitet uns schon geistig vor auf den nächsten Schachzug. Da heißt es auf unübersehbaren Werbeplakaten: „Krisenherde löschst du nicht mit Abwarten und Teetrinken“ oder „Bei uns geht es ums Weiterkommen, nicht ums Stillstehen.“ Unsere junge Generation wird vom Staat, der eigentlich dafür verantwortlich ist, dem Nachwuchs Bildung und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, aufgefordert, zu machen, „was wirklich zählt“. Was ist das denn? Die sogenannten westlichen Grundwerte an der Front zu verteidigen, die die Globalplayer aus Wirtschaft und Politik eh längst verraten haben?! Den unsichtbaren Feind zur Strecke bringen für den Frieden und die Freiheit?! Also eigentlich nichts anderes als aushebeln, abknallen, ausräuchern?! Und wenn ich nicht für den Krieg bin, bin ich dann ein Abwarter und Teetrinker, ein Nichtstuer und Stillsteher? Ich weiß gar nicht, was mir mehr Angst macht: der islamistische Terror oder die Reaktionen der sogenannten westlichen Welt, die sich immer weiter zuspitzen werden in den kommenden Wochen: Angst und Misstrauen, Abschottung und Stellung beziehen – wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Und wer tatsächlich für den Frieden ist und wer tatsächlich die Vorstellung vertritt, dass jeder Mensch das Recht hat, sein Leben in Würde und Freiheit zu gestalten, der kann nur ein hoffnungsloser Romantiker sein. Denn, wie wir sehen, sind die Zeiten hart und die Terroristen lassen sich schließlich nicht von der Yogamatte aus aufhalten (dass den Friedensaktivisten selbst vom linkspolitischen Flügel in den Rücken gefallen wird, ist ein anderes trauriges Thema)

Ich fasse zusammen: wie sieht unsere Welt aus? Flächendeckende Kriegsgebiete und unüberschaubare Herrschaftsansprüche! Gottesschwülstiger Glaubenskampf und ideologisierte Terrorbekämpfung! 60 Millionen Flüchtlinge weltweit! Hunger, Verfolgung und Vertreibung, Tod im Mittelmeer! Neokapitalistische Profitgier, die zu Umweltzerstörung, Menschenausbeutung und Verelendung führt! Abkopplung gesellschaftlicher Teilhabe an globalpolitischen und weltwirtschaftlichen Entscheidungsprozessen! Demoralisierung, Isolierung und Regionalisierung! Ausgrenzung, Hass und Gewalt! Und während die Tagespresse mit Putin und Griechenland, Pegida und der AfD, der großen Flucht und nun Paris und der Terrorbekämpfung beschäftigt sind, marschiert TTIP unbemerkt an uns vorbei, obwohl im Oktober 150.000 Menschen gegen das Freihandelsabkommen demonstriert haben (was augenscheinlich keiner umfangreicheren Berichterstattung der Tagespresse würdig war, wieder so eine andere traurige Geschichte).

Ich frage alle, die wie ich das Gefühl haben, am Wendepunkt zu stehen, die besorgt sind bei all den fragwürdigen und angsteinflößenden Entwicklungen unserer Gegenwart und die sich erinnert fühlen an Zeiten, die noch gar nicht so lange her sind, in denen nach Krieg geschrien wurde und die Entmenschlichung an Tätern wie Opfern ablesbar war: was tun wir? Mal abgesehen von Eiffeltürmen in Peacezeichen und tricolore Gardinen im Profilbild? Was tun wir? Brauchen wir nicht ein ganz anderes, ein aktives und gemeinschaftliches Commitment? Wie können wir uns, die wir alle keine Kriegshetze wollen, die selbstbestimmt und friedlich miteinander leben wollen, die nationalideologische und menschenfeindliches Gedankengut verabscheuen, die der Politik nicht mehr vertrauen, sondern ihr Leben lieber in die eigene Hand nehmen, die keine Angst vor Veränderung haben, die Vielfalt als Bereicherung verstehen, die daran glauben, dass die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen nicht die Grundlage des menschlichen Überlebens auf diesem Planeten darstellt, die nicht an Wirtschaftswachstum, sondern an nachhaltige und faire Ökonomie glauben, die in ihrem Menschsein eine Kraft zur Lebendigkeit und zur Fülle erkennen, die sie mit dem Rest der Welt teilen und mehren wollen….wie können wir uns verständigen, diese Welt tatsächlich verändern und diesen Wahnsinn stoppen? Brauchen wir eine neue Magna Charta, in der wir uns freiwillig auf wesentliche Punkte verständigen und uns selbst ganz praktisch und aktiv zu menschlicher Vernunft und Mitgefühl verpflichten, um unsere Kraft der Mehrheit endlich zu nutzen und spürbar für Veränderung zu sorgen?

Ich weiß nur: die meisten Menschen wollen einfach in Frieden und Freiheit leben. Die wollen keinen Krieg führen, nicht in Angst leben, nicht ausgebeutet werden oder andere vernichten. Die wollen sich verlieben und ihren Kaffee auf der Veranda trinken und mit dem Hund Gassi gehen und ihre Kinder aufwachsen sehen. Die wollen lernen und wachsen, die suchen Balance und Harmonie, mit sich selbst und den Menschen in ihrem Umfeld. Die wollen ein sicheres Zuhause, fruchtbaren Boden, gesundheitlichen Schutz und ausreichend Nahrung. Wenn wir das Gute wollen, müssen wir das Gute anwenden. Wir müssen es leben und uns gegenseitig immer wieder zeigen, denn Bilder von Angst und Gewalt erzeugen Angst und Gewalt. Freundschaft, Anteilnahme und Mitgefühl brauchen einen Nährboden, auf dem sie wachsen können.

Ich bin zu ungeduldig, um zu hoffen, dass es mal besser wird ohne ein aktives Tun oder, dass es vollkommen ausreicht, im Privaten ein guter Mensch zu sein, der auf Fairtrade achtet, für ein Patenkind im Kongo monatlich 30EUR überweist, kein Fleisch isst und sich ganz schlecht fühlt, wenn er doch mal auf die Kanaren fliegt, um sich ein paar Tage zu entspannen – wegen der CO2-Bilanz und so. Ich glaube einfach nicht daran, dass das Gute, wie im Film, am Ende immer gewinnt. Die andere Sache ist, dass ich es für eine unbeschreibliche Tragödie halte, wenn unsere Welt tatsächlich wieder im Chaos versinkt, während und obwohl keiner das will, während und obwohl alle die gleichen Bedürfnisse für das eigene Leben haben und während und obwohl wir alle genau wissen, dass wir uns Wegschauen und Nichtstun einfach nicht leisten können. Unsere Eltern und Großeltern sind die, die uns mahnen! Die Toten im Mittelmeer mahnen uns! Die Hungernden dieses Erdballs mahnen uns! Die Kriegsopfer und Soldaten mahnen uns! Was also tun wir? Ich bin für konkrete Vorschläge offen!

Liebe Grüße an die Welt, Heidi

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