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Selbstakzeptanz vs. Selbstoptimierung – Ein Plädoyer für den Rettungsring

„Die Deutschen sind im digitalen Fitnesswahn“, postuliert dieser Tage ein Bericht von Spiegel TV, den ich mir voller Neugier ansah. Die arme Reporterin Anne-Sophie Hessler hatte die Herausforderung angenommen, sich der „Freeletics“-Bewegung anzuschließen und mittels Fitness-App den absoluten Traumbody zu formen, das ganze in nur 15 Wochen. Sie hat, wie Millionen „Freeletics“-Jünger es tagtäglich tun, den Höllenritt auf sich genommen, geschwitzt, gerackert und sich bis zum Ultimo gequält, sodass es ihr nach dem Workout schon mal hochkommen wollte. Eines wurde im Bericht vollkommen klar:

von „fit for fun“ kann bei den Selbstoptimierern keine Rede sein!

Ein Zirkeltraining, wie ich es aus dem Sportunterricht kenne, mit typischen Übungen wie Liegestützen, Sit Ups und Kniebeugen, ist ja vollkommen in Ordnung. Man kann sie zu Hause machen, die App sagt mir, wie es geht, ich brauche keine Geräte und kann sofort auf der heimischen Yogamatte loslegen. Aber das Geheimnis des Erfolgs liegt nicht in der Art der Übungen, sondern in Schnelligkeit und körperexzessiver Superpower, wie man sie nur aus dem Militär kennt. Frei dem Motto, dass das Leben und schon gar die perfekte Sommerfigur nichts für Weicheier ist, pushen sich die Selbstoptimierer gegenseitig, indem sie sich die erzielten Ergebnisse unter die Nase halten. Sie spornen sich zu Höchstleistungen an und benutzen ihren Körper als schweißtriefende Kampfmaschiene, um die athletischen Wettbewerber in die Knie zu zwingen. „200 Sit Ups in 2 Minuten? Kein Problem, Alter! Ich leg noch 100 Luftsprünge drauf!“ Hauptsache, es tut richtig weh, nur die Harten kommen in den Garten!

Nun saß ich da auf meiner Couch, mit meiner Wohlstandsplauze vor dem Fernseher, und fragte mich: Warum tun sich Menschen diese Tortur nur an? Soziale Anerkennung aufgrund eines perfekten Körpers? Stahlharte Muskeln als Statussymbol? Leidensfähigkeit als Leistungsmerkmal?

fitnessMacht mich das Sixpack-Selfie zum besseren Menschen?

Ich stelle mir die sportliche und mentale Dauerbeanspruchung zum Erwerb und Erhalt des perfekten Bodys sehr gemein vor. Nicht nur, dass ich als Selbstoptimierer jeden Tag meinen inneren Schweinehund bändigen muss, mir keine kleine Schlemmerei leisten darf und bis zur Erschöpfung meinen Körper drille, und tut es noch so weh. Vor allem die Bemessung meines eigenen Selbstwerts auf Grundlage von Body-Maß-Index und Körperfettanteil ist ein ungeheurer innerer Druck, dem es standzuhalten gilt. Ein Glas Wein am Samstag Abend in gemütlicher Runde, ein leckeres Eis bei brennender Hitze, ein wenig Müßiggang – all das rächt sich auf der Waage und in der nächsten Trainingseinheit. Und dann geißel ich mich in meinem Selbstoptimierungswahn, halte mich für schwach und drehe eine extra Runde auf der Matte.

Versteh mich nicht falsch. Sportlicher Ehrgeiz für ein besseres Körpergefühl und allgemeines Wohlbefinden finde ich total super und ich bewundere jeden Menschen, der mit seinem Körper ganzheitlich verbunden ist und sich aus sich selbst heraus fit und gesund hält. Das Gefühl, was ich bei der Berichterstattung hatte, war jedoch, dass kein freundliches Verhältnis der Superathleten zum eigenen Körper besteht. Vielmehr sah ich als Triebfeder der Totalverausgabung ein Gefühl der Angst. Die Angst, nicht auszureichen und nicht „wert“ zu sein, erschreckte mich beim Betrachten der ewigen Schleife von sportlichem Overload und Antreibermentalität. Der Grundgedanke, mir der gesellschaftlichen Anerkennung nur gewiss sein zu können, wenn ich jeden Teil meines Körpers zu jedem Zeitpunkt unter Kontrolle habe und dem Ideal des durchtrainierten Egos unter allen Umständen entspreche, führt unweigerlich in eine psychische Schieflage, denn als Selbstoptimierer ist ein Scheitern der gesetzten sportlichen Leistung immer auch mit dem persönlichen Scheitern verbunden. Damit tritt das Selbstbild des Selbstoptimierers mit seiner hässlichen Fratze zu Tage:

Habe ich einen Makel, bin ich falsch. Wenn ich nicht perfekt bin, mag mich keiner. Ich bin selber schuld, weil…

Ich persönlich war jahrelang ein Sportmuffel. Mir tat alles weh, mein sportlicher Ehrgeiz wandelte sich schnell zum wehleidigen Frust, ich hab lieber gegessen als geschwitzt. Und ich dachte auch von mir: ich bin die ewige Fette. Alle anderen haben es drauf, nur ich hab den Schuss einfach nicht gehört. Nach drei Fitnesstudio-Memberships, die ungenutzt blieben und der ständigen Selbstgeißelung, es einfach nicht durchzuziehen und mich für einen Schwächling zu halten, war mir klar, dass ich nur etwas auf Dauer durchhalte, was ich leidenschaftlich gern tue. Wenn ich heute schwimmen gehe oder durch die Wuhlheide flitze, geht es mir nicht in erster Linie darum, ganz schnell am Ziel zu sein. Ich beobachte mich selbst, ich nehme die Umwelt wahr. Ich achte ganz bewusst auf das Vögelzwitschern, wie sich der Boden unter meinen Füßen anfühlt oder wie mein Körper durchs Wasser gleitet und mir die Sonne ins Gesicht blinzelt. Ich beobachte währenddessen die Kinder im Wasser und freue mich an ihnen. Und ich hab währenddessen und danach einfach richtig gute Laune. Sport ist für mich nicht mehr Mittel zum Zweck. Ich bewege mich um der Bewegung willen.

Akzeptiere dich in diesem Moment!bauch

Den Dauerlauf gegen sich selbst, der durch digitale Bootcamps wie „Freeletics“ seinen gesellschaftlichen Zenit erreicht hat, habe ich wirklich satt! Den inneren Antreiber kennst du bestimmt auch. Wer will nicht gerne mehr aus sich machen, fit sein, gesünder leben und seine Attraktivität in die Höhe schrauben? Nichtsdestotrotz kannst du in der Erreichung deiner Ziele gut zu dir sein! Du DARFST es sogar! Dafür hier eine kleine, einfache Übung:

Stell dich vor den Spiegel, betrachte dich selbst und begrüße deine Problemzone:

Hallo, liebe Problemzone, du hast deine Berechtigung und ich heiße dich willkommen, denn du bist nicht ohne Grund aufgetaucht. Jetzt gerade gehörst du zu mir, doch wir werden bald wieder Abschied nehmen.

Damit verlierst du deine Ziele keineswegs aus den Augen. Du schließt auf wohlwollende Weise Freundschaft mit deinem Aussehen. Du nimmst dich im Hier und Jetzt an. Du verurteilst dich nicht, sondern akzeptierst dich in deiner unmittelbaren Erscheinung und deinem gegenwärtigen Sein. Dazu gehört auch, sich zu verzeihen, wenn du über die Stränge schlägst, dir einen fetten Burger reinziehst und zwei Kugeln Eis mit extra Sahne bestellst. Nein, mehr noch:

Du hast das Recht, zu genießen!

Genuß ist eine tolle menschliche Fähigkeit. Alle Dinge, die wir tun, sollten wir genussvoll angehen. Du kannst genussvoll joggen gehen, genussvoll schwimmen, genussvolle Übungen machen. Du kannst genussvoll einen Salat essen und wenn dich der Appetit packt, dann DARFST du dir was Leckeres aussuchen und es genießen bis in die hinterletzten Züge. Wenn du genießt, bist du voll im Moment. Deine Sinne werden messerscharf, du spürst im Sport deine Bewegungen, deine Muskeln, wie sich dein ganzer Körper anfühlt. Wenn du genussvoll isst, fahren deine Geschmackssinne Achterbahn, der Wein prickelt auf der Zunge, die unterschiedlichen Gewürze und Aromen entfalten ihre volle Kraft. Du nimmst dir Zeit für dich, du lädst dich selbst ein auf eine schöne Erfahrung.

Genussvolles Verhalten, ob nun im Sport oder anderen Bereichen des Lebens, schließt Achtsamkeit ein. Es bedeutet, dass du gut zu dir bist, dass du deine Grenzen erkennst und dich intensiv wahrnimmst. Es bedeutet vor allem:

Lass dir Zeit! Jeder Tag ist neu!

Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo. Die Pfunde, die sich klammheimlich auf die Hüften schlichen und dir nicht über Nacht transplantiert wurden, brauchen Zeit, wieder zu purzeln. Wie Trainingseinheiten und sportliche Aktivitäten, die dir Spass machen, ihre Zeit beanspruchen, so hast du ebenso Zeit für Entspannung. Auch wenn du schon letzten Sommer in die Jeans deiner Jugend passen wolltest und dir dafür immernoch 5 kg im Weg stehen, brauchst du Geduld und Akzeptanz, um dieses Ziel langfristig zu erreichen. Da hilft es leider nichts, sich zu ärgern, vorbei ist vorbei. Du kannst den letzten Sommer nicht einholen, der große Wurf wird nicht über Nacht gelingen. Deshalb ist es wichtig, die Situation im Jetzt anzunehmen. Am besten funktioniert das, wenn du jeden Tag als einen Anfang betrachtest. „Heute ist ein neuer Tag. Heute geh ich eine Runde joggen. Ich jogge so lang, wie ich jogge. Und wenn mir die Puste ausgeht, obwohl ich mir mehr vorgenommen habe, dann macht das nichts, denn ich war joggen.“

Für die Chance, dich in deiner eigenen Haut wohlzufühlen und Attraktivität auszustrahlen, brauchst du keinen Drillinstructor und keine App, die dich anpeitscht und in deinem Leistungsspektrum überfordert. Unser innerer Antreiber hält uns schon genug auf Trab, einen äußeren kann keiner gebrauchen und keiner wollen. Der Genuß ist dein Freund, die Zeit auf deiner Seite und dein Körper wird es dir, wie deine Seele, danken, dass du gut und achtsam mit ihm umgehst.

In diesem Sinne: Sport frei!

 

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