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Selbstablehnung! Welche Kräfte in uns wirken

Selbstablehnung ist anstrengend und nimmt uns so sehr in die Zange, dass wir den Vorstellungen unseres Idealbildes niemals auch nur annähernd entsprechen können. Stattdessen passiert das Gegenteil von dem, was wir eigentlich wollen. Um der selbstgestrickten Überforderung zu entgehen, immer das Maximum aus uns herauszuholen, lassen wir Druck ab – mit Sex, Partygelagen oder eingefrorenem Chillaxing vor dem Fernseher. Das Pendel in uns, das zwischen schonungsloser Rigorosität und erlösender Autonomie hin- und herschwingt, kommt nicht von ungefähr. Und es gibt nur eines, was gegen die ewig währende Schande der eigenen Unzulänglichkeit hilft.

Das Rad der Schande

Durch mein Leben schlägt sich eine Schneise des Minderwerts. Ich wusste nicht, wie ich tatsächlich bin oder was ich kann. Ich wusste nur, ich muss besser werden und zwar in einfach Allem – bessergestellt und erfolgreich, gesellschaftsfähig und unterhaltsam, attraktiv und begehrenswert. Jeden verdammten Tag machte ich den obligatorischen Bodycheck im Spiegel. Wenn ich fremd auf einer Party war oder ein Date hatte, bemühte ich mich, besonders humorvoll und spritzig zu sein. Im Beruf begehrte ich niemals auf. Ich erledigte meine Aufgaben gewissenhaft, sodass man mir nie etwas nachsagen konnte. Ich war eine gute Freundin, eine gute Tochter, eine gute Kollegin.

Doch einem kleinen Diktator in mir – meinem inneren Kritiker, war das nicht genug. Unzensiert und ohne Pause trieb er mich an und machte mich fertig – wie wertlos ich bin, wie wenig ich in meinem Leben gerissen habe, dass alles meine eigene Schuld ist und sich das Blatt nur wendet, wenn ich mehr Leistung bringe und nicht nachlasse – mehr abnehmen, mehr Sport treiben, den Trends folgen, mehr Zeitung lesen, mich weiterbilden, Karriere machen, Nichtraucher werden, Schulden abbauen, eine schönere Wohnung, Führerschein machen, Hobbies finden, um nur nicht langweilig zu sein, und das alles am besten schon gestern, denn ich hab mich schon viel zu lange gehen lassen…

Gegenwehr und Selbstbehauptung

Je lauter der inneren Kritiker schreit, desto stärker fühlt sich sein Gegenspieler auf den Plan gerufen, der Rebell. Der pöbelt den Kritiker an und ruft mit geballten Fäusten: Nein! Nicht mit mir! Ich mach, was ich will! Ich muss hier gar nichts und du hast mir überhaupt nichts zu sagen!
Tritt der Rebell auf die Bildfläche, kündigen wir einfach ab und verspotten den kritischen Anteil in uns, der uns das wilde, schöne Leben vermiesen will. Wie leichtfertige Teenager richten wir uns mit Chipstüte und Pizzaschnellruftaste tagelang vor der Glotze ein, gehen von nun an aus bis zum Morgengrauen, betrinken uns bis zur Besinnungslosigkeit, haben wahllos Sex mit jedem, der uns in die Quere kommt oder zocken am Computer die Nächte durch.

Es gibt viele Möglichkeiten, Reißaus zu nehmen und dem inneren Kritiker zu entkommen. Und es fühlt sich so gut an! Wer sollte uns hindern an unserem Spaß, wer kann uns etwas anhaben?

Die zurückeroberte Freiheit aus den Fängen des ewigen Antreibers währt jedoch nur kurz. Kehrte ich aus der grenzenlosen Welt vermeintlicher Freiheit wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, trampelte der Kritiker umso heftiger auf mir herum: was hast du da angerichtet? Bist du total bescheuert? So wird das nie was mit dir, du bist und bleibst ein elendiger Versager. Du musst jetzt umso härter arbeiten, du kannst dir keine Schwächen leisten.

Und so dreht sich das Rad der Schande von vorn, ein ewiger Kampf zweier Rivalen in mir, der scheinbar niemals endet und mich jeglicher Handlungsfähigkeit beraubt.

Zwischen Diktatur und Anarchie

Der innere Kritiker ermahnt uns unaufhörlich. Manchmal flüstert er wie das Rauschen eines Radios im Hintergrund. Manchmal ist seine unerbittliche Herabwürdigung und Bloßstellung direkt und unmissverständlich. Er tritt auf wie ein liebloser Erwachsener, der ein Kind in seine Schranken weist, es demütigt, beschämt und klein hält. Nach Melody Beattie (Unabhängig sein – Jenseits der Sucht, gebraucht zu werden, 1995) ist er erkennbar an einer Reihe von Glaubensmustern, die wir so oder so ähnlich in unserer frühesten Kindheit verinnerlicht haben:

Spüre deine Gefühle nicht und sprich nicht über sie.

Sei gut, anständig, perfekt und stark.

Sei nicht, wer du bist, denn das ist nicht gut genug.

Komme niemandem nahe, du machst dich dadurch verletzbar.

Mache immer ein fröhliches Gesicht, egal wie du dich fühlst oder was du zu tun hast.

Der innere Kritiker misst hierbei Scham- und Schuldgefühlen, Regeln und Verpflichtungen einen immensen Wert bei. Wenn etwas schief geht, dann bist du schuld – immer! Dann ist das der Beweis für dein Falschsein und deinen Minderwert.

In der Gegenwehr zur Diktatur des inneren Kritikers wird der Rebell auf den Plan gerufen. Er ist motiviert durch unbändige Lust nach Abenteuer. Er pfeift auf Regeln und will das Leben in vollen Zügen, frei von jeder Verantwortung, auskosten. Er wirft Konventionen über Bord und lässt sich nicht maßregeln. Sein höchster Wert liegt in der Ausschöpfung des Möglichen. Seine Genusssucht und die unbedingte Sehnsucht, einfach auszusteigen, führen gerne in Abhängigkeiten und totalem Kontrollverlust. Dabei gehen schonmal ganze Existenzen drauf – der Job wird gekündigt, das Geld am Spieltisch verbraten, die Ehe gefährdet.

Einen Kampf gegen die beiden auszufechten, ist vollkommen zwecklos. Ebenso sich auf eine Seite schlagen zu wollen, wird nicht funktionieren – der jeweils abgelehnte Teil wird sein Recht einfordern, früher oder später.

In der Zerrissenheit

Dein innerer Kritiker und der Rebell sind zwei Instanzen in dir. Sie sind Teile, haben eine eigene Stimme und eine eigene Wahrheit, die sie verteidigen. Der Kritiker wurde aus unserer frühkindlichen Erfahrung heraus geboren. Dem Umgang der Eltern und anderer Bezugspersonen sowie den Mangelerscheinungen seiner Umwelt ist ein Kind hilflos ausgeliefert. Es kann nicht abstrahieren, es kann nicht reflektieren, es kann die Zusammenhänge nicht erfassen. Da es kein geschlossenes Selbstbild hat, bezieht es alle Irritationen der Umgebung auf sich selbst und zieht daraus entsprechende Schlussfolgerungen. Bei diesen Irritationen muss es sich nicht um extreme Gewalterfahrungen oder Missbrauch handeln. Eine lieblose Zurechtweisung, das Hinwegsehen über Bedürfnisse oder ein abwesendes Elternteil sind schon völlig ausreichend, um ein durchdringendes Trauma von Verlassenheit, Einsamkeit und Ablehnung zu erzeugen.

Dem kann das Kind nur standhalten, indem es das lebensbedrohliche Erleben abspaltet. Installiert wird eine Schutzinstanz (der innere Kritiker), die Situationen und Personen durch das eigene Verhalten beherrscht und kontrolliert. So entsteht das unbedingte Bestreben nach sozialer Anpassung, Gefälligkeit und Leistung sowie die Grundannahme, nicht ok zu sein.

Dem Druck, die vitalen Gefühle abzuschneiden, sich selbst nicht ernstzunehmen, seinen Selbstwert durch Selbstaufopferung erarbeiten zu müssen und keine Ansprüche stellen zu dürfen, ist ein lebensverneinendes Programm, dem niemand auf Dauer standhält. Aus unserem natürlichen Lust- und Lebenstrieb wird der Rebell geboren.

Er steht für Leidenschaft, Sinnlichkeit und ist der personifizierte Wille nach Freiheit als Geburtsrecht. Vermeintlich scheint er ein treuer Gefährte zu sein, der das beste für uns will und dem wir vertrauen können in seinen Lebensmaximen, geht es doch darum, sich den erdrückenden Konventionen zu widersetzen und unsere Ganzheit in all seiner strahlenden Vielfalt und Schönheit Ausdruck zu verleihen. Da er vom inneren Kritiker durchgehend in Schach gehalten wird, ist seine Kraft zerstörerisch. Bricht er sich Bahn, ist seine Gestalt die eines Bruder Leichtfuß, ohne Verantwortungsbewusstsein, ohne einen Gedanken an Konsequenzen seines Tuns.

Was bleibt, ist eine dauernde Zerrissenheit in uns. Wir wissen nicht, wer wir eigentlich sind und trauen uns nicht über den Weg. In uns lebt ein gnadenloser Richter, der sein grausames Urteil fällt und sich anschließend das Hemd des Henkers überwirft, um uns zum Schafott zu führen. Und die andere Instanz in uns, der Rebell,  fühlt sich zwar für den Moment frei und lebendig an, ist auf lange Sicht jedoch kein verlässlicher Partner bei der Entscheidungsfindung an den wichtigen Weggabelungen des Lebens.

Innehalten statt abschalten

Wenn der Kampf gegen beide Instanzen lediglich dazu führt, dass das Pendel zwischen den inneren Extremen weiterhin schwungvoll ausschlägt, wie kann ich mich dann aussöhnen und dieser Zerreißprobe endlich ein Ende setzen?

Indem du innehältst und folgende Erfahrung machst:

  • Es handelt sich um innere Instanzen mit entsprechenden Funktionen. Sie sind keine festgeschriebenen, unveränderlichen Merkmale deines Wesens, denen du unterworfen bist. Oder anders formuliert: Das, was in dir vorgeht, bist nicht du! Es sind Anteile in dir, die auf- und wieder abtauchen. Sie sind nicht inhärent, sondern stellen Phänomene in dir dar.
  • Du bist der Raum, in dem die Instanzen agieren. Du kannst sie betrachten wie zwei Schauspieler auf einer Bühne, die ihr jeweiliges Stück vorführen. Du bist der Zuschauer, dem eine Geschichte erzählt wird.
  • In deiner Rolle als Beobachter des Geschehens folgt eine Distanzierung zu beiden Instanzen. Diese ist die Voraussetzung, die Identifizierung mit ihnen zu durchbrechen. In diesem Moment der reinen Präsenz wirst du das Schauspiel in dir wahrnehmen, ohne dem jeweiligen Protagonisten weiterhin zu glauben. Das ist der wichtigste Schritt in Richtung Autonomie.

In der Kunst des Innehaltens lösen wir die Zerrissenheit auf, das Pendel beruhigt sich, es kann Balance entstehen. Wir erhalten die Chance, wieder bewusste Entscheidungen zu treffen. Wir haben ein Werkzeug an der Hand, mit dem wir unsere konditionierten Denk- und Verhaltensmuster aushebeln und lernen, diese von intuitiven Impulsen zu unterscheiden. Das stärkt nicht nur unsere Authentizität, sondern verhilft uns auch zu mehr Selbstvertrauen.

Denn (wie C.G. Jung uns mahnt):  nur was bewusst ist, kann nicht mehr projiziert werden.

*Die hier vorgestellte Herangehensweise zum Umgang mit Selbstablehnung entspringt u.a. dem Focusing. Meine Arbeit der Aussöhnung mit mir selbst gründet sich auf die „Radikale Erlaubnis“ nach Mike Hellwig. Wie du das auch kannst, erfährst du hier

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