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Schon aus Prinzip?! Warum ich lieber egozentrisch als moralisch bin

Die Weihnachtstage sind gerade vorbei, mir klebt der letzte Lebkuchen noch am Gaumen und der friedvolle Zauber besinnlicher Stunden in Liebe und Eintracht verflüchtigt sich leise in alle Ecken. Gerade in der Weihnachtszeit sind die Rufe nach ethischen Handlungsanweisungen besonders laut. Wir sollen unseren Nächsten lieben, dabei fallen den meisten die paar Feiertage in trauter Familie schon schwer. Wir sollen einander achten, nicht lügen, gerecht und rechtschaffend handeln, uns nicht versündigen.

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Währenddessen gerät die Welt in Krieg und Gewalt aus den Fugen, Flüchtlingsunterkünfte brennen, der Rechtsextremismus zeigt sein hässliches Gesicht, wie auf der anderen Seite muslimische Fanatiker ihren gottlosen Kampf für ein vermeintlich gottgefälliges Leben führen. Interessant ist, dass sich in diesem Stellungskrieg jede Prinzipienpartei als Propagandist moralischer Werte aufplustert: der Schutz von Nationalbewusstsein, Freiheit für alle oder die Sittlichkeit werden herangezogen, um die eigenen Taten zu legitimieren und die Menschheit auf einen besseren Weg zu führen. Was mich wirklich daran stört, ist, dass alle Prinzipienreiter dieser Welt immer genau wissen, was zu tun ist, nein vielmehr: wie der Mensch zu sein hat. Muss mir gesagt werden, wie ich ein guter Mensch werde?

Und ewig kreist die Moralkeule!

Das erinnert mich an meine Kindheit. Mama sagt: du sollst dein Zimmer aufräumen! Hat mich das irgendwie motiviert? Papa sagt: du sollst immer nett zu älteren Leuten sein! Hat mich das irgendwie inspiriert? Natürlich folgten sogleich entsprechende Kinderstrafen, wenn ich nicht gehorsam war. Doch wenn ich ehrlich bin, waren diese unheilvollen Konsequenzen nicht Grund genug, mich in meinem Schandtatendrang zu bremsen. Eher wollte ich besser darin werden, mich nicht erwischen zu lassen. Was nützt also die moralische Keule, wenn sie nur Abwehrreaktionen hervorruft? Pädagogisch ist die Erhebung des moralischen Zeigefingers ganz und gar nicht wertvoll, weder in Kindertagen noch heutzutage in politischen Diskussionen, in denen jeder in seiner mutmaßlichen, argumentativen Überlegenheit das Recht auf seiner Seite zu wissen glaubt. Dieses ist der erste Zweifel, den ich an der Moral hege. Sie funktioniert einfach nicht.

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Nicht nur in der praktischen Umsetzung ist die Moral ein Griff ins Klo, auch die theoretische Grundlage der Moral ist mir zuwider. Nun würde mir der Moralist sagen: wie kannst du nur? Die Welt braucht die Moral, sonst würden sich die Menschen die Köpfe gegenseitig einschlagen und wir würden im Chaos versinken! Nun, mein erstes Argument ist: tun wir das nicht längst, trotz der Moral? Aber viel wesentlicher ist das zugrundeliegende Menschenbild, dass sich dahinter verbirgt, nämlich, dass der Mensch von Natur aus nicht rechtschaffend und moralisch handelt, sondern es ihm erst anerzogen und beigebracht werden muss. Ja, er muss von außen erst zur Moral domestiziert werden, ihm müssen die Zügel angelegt und die Sporen gegeben werden, damit er weiß, wie er sich zu benehmen hat. Ich halte dieses Menschenbild für zutiefst unmoralisch und doch ist es der Ausgangspunkt der Moral. Andernfalls würden die Moralprediger nicht den ewigen Drang verspüren, dem Menschen erst zur Menschwerdung verhelfen zu müssen, indem er ihm sagt, was er muss, was er soll und was er nicht darf.

„Wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht!“

moralIch bin fest davon überzeugt, dass der Mensch nicht zur Güte und Uneigennützigkeit gezwungen werden muss. Vielmehr bin ich dafür, den äußeren Druck ganz einzustellen und ihn dazu zu ermutigen, richtig schön egozentrisch zu leben. Versteh mich nicht falsch: ich meine Egozentrik im wortwörtlichen Sinne. Es geht mir nicht darum, sich selbstgefällig gegenüber anderen zu erheben, sondern sich buchstäblich auf sich selbst zu konzentrieren. Seitdem ich in mein eigenes Herz schaue und mich selbst erforsche, in meinen Bedürfnissen, Sehnsüchten, Freuden, Zweifeln, in meinem Kummer und meinen Schattenseiten, werde ich Schritt für Schritt vertrauter mit mir. Ich kriege (noch nicht abschließend, aber immerhin teilweise) ein besseres Gespür für meine Instinkte und kann die Zeichen meines Körpers leichter deuten. Ich begreife langsam, was meinem Geist gut tut und wobei er vollkommen durchdreht, was ich brauche, um ausgeglichen zu sein und was mir hilft, meine Ziele zu erreichen. Dabei erfahre ich ein natürliches Bestreben zu Harmonie und Balance, zu Fürsorge und Demut, zu Fülle und Kreativität. In diesem Prozess kreise ich nur um mich selbst, was nicht nur dazu führt, mich selbst in meinen Macken und Animositäten anzunehmen, sondern ebenso mein Gegenüber besser zu verstehen, weil ich erkenne, dass es keinen Unterschied zwischen uns gibt. Auf dieser Ebene findet echte Gemeinschaft statt, in der man sich selbst vor lauter Egozentrik total vergessen kann. Mitgefühl, ethische Werte und achtsames Handeln stecken schon in uns, sie müssen uns nicht eingepflanzt werden. Was sie brauchen, ist Luft, um zu gedeihen.

Egozentrik ist nicht das Gegenteil von Moral, es ist die Voraussetzung!

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