Fühlen
Kommentare 2

Lust for Life! Leben nach dem Lustprinzip

Ich muss….ich sollte….ich hätte…. sind die großen Antreiber, die uns sagen, was wir zu tun und wie wir es zu tun haben. Und die Erlaubnis zur Unbarmherzigkeit gegen uns selbst wird gleich mitgeliefert – in der Angst, dass nur etwas aus uns werden kann, wenn wir unnachgiebig und gnadenlos die Arschbacken zusammenkneifen, bis wir fähig sind, Diamanten zu kacken. Denn von nichts kommt schließlich nichts, oder doch? Go with the flow statt Blut, Schweiß und Tränen – ein Selbstversuch.

Ich kann dir sagen, die Existenzgründung ist nicht witzig. Statt farbenfroher Traumbilder vom erfolgreichen Schaffen aus der eigenen Kraft heraus mit ideellen Sequenzen von Lebensaufgabe, Berufung und existentieller Zukunftsperspektive bringen mich Selbstzweifel, Versagensängste und innere Unruhe um dem Schlaf. Wie soll ich das nur alles schaffen? Hab ich mir das auch gut überlegt? Was gibt es noch alles zu tun? Habe ich auch nichts vergessen? Was steht morgen an, und übermorgen und überübermorgen? Für diesen sich in die letzten Zellen einzementierenden Druck muss der moderne Mensch nicht unbedingt in die Selbständigkeit gehen. Handelt es sich um profane Dinge wie den Wochenendeinkauf, den nächsten Urlaub oder den geplanten Hausbau, zerfasert sich die große To-Do-Liste des Lebens ebenso gern bis ins kleinste Detail. Wir ersticken in unseren To Does und bilden uns ein, die lange Liste der bevorstehenden Aufgaben abarbeiten zu müssen, um dann endlich entspannen zu können. Doch je stärker wir daran festhalten, umso länger wird diese Liste. Sie nimmt niemals ein Ende und reicht bis zum Himmel wie im Märchen von den Zauberbohnen.

Sind wir Tabula rasa?

lustDass wir unsere Aufgaben von außen beziehen, ist ganz typisch für das kulturelle und gesellschaftliche Verständnis des Menschen als Tabula rasa. Der kleine Mensch, frisch geschlüpft in diese Welt, wird betrachtet als ein unbeschriebenes Blatt, dem die Eindrücke erst von außen vermittelt werden müssen, um ein vollständiger, rechtschaffender Mitbürger zu werden. So wurde uns von klein auf gesagt, was wir zu tun haben – anständig am Tisch sitzen, höflich „Guten Tag“ und „Danke“ sagen, Zimmer aufräumen, Hausaufgaben machen. Auch in der Erwachsenenwelt setzt sich dieser Mangel an Vertrauen in die eigene Wirksamkeit fort, nur dieses Mal brauchen wir niemanden mehr, der uns von außen maßregelt. Die hoheitliche Instanz übernehmen wir selbst, sie findet ihren Ausdruck im unerbittlichen Kritisieren, Auffordern, Einheizen und Bedrängen des inneren Antreibers, der uns stets in Sachen Partnerschaft, Beruf, Körper, Gesundheit, Weiterentwicklung, Kindererziehung usw. anklagt und zurechtweist. Da ist es doch kein Wunder, dass die elendige To-Do-Liste niemals abgehakt ist, schließlich findet der innere Quälgeist immer wieder ein Haar in der Suppe und freudige Motivationsschübe haben beim ewig währenden Psychodrill nicht den Hauch einer Chance.

Sind wir tickende Uhrwerke oder Zeitbomben?

Als sich mein Gedankenkarussell um die anstehenden To Does zur Panikzentrifuge umfunktionierte, in der ich an die Wand gedrückt wurde und keine Luft mehr bekam, war mir klar, dass ich den inneren Antreiber sowieso nicht zufrieden stellen kann. Bevor ich gänzlich zur Unfähigkeit erstarrte, entschied ich mich, ein Experiment zu wagen: ich tue nur noch das, wonach mir ist!

lust

„Error, Error! Selbständigsein heißt selbst (!) und ständig (!), reiß dich also gefälligst zusammen. Das Leben ist kein Ponyschlecken, ohne Fleiß keinen Preiß, behalte die Kontrolle!!!!“ tönte es zwischen meinen Ohren, aber ich blieb standhaft und stellte Erstaunliches fest:

  • In mir breitete sich eine warme, wohlwollende Entspannung aus, von der aus ich mich viel besser fokussieren konnte als im dauernden Stress.
  • Die To Does in meinem Kopf entzerrten sich von einem aufgeladenen Donnerwetter in kleine Schäfchenwolken und wurden so zu Lustobjekten meines täglichen Programms. Urplötzlich war all das Müssen und Tun verschwunden, ich konnte mir etwas herauspicken, woran ich in dem Augenblick tatsächlich Freude verspürte.
  • Ich habe tatsächlich Impulse, die mich sanft und gutmütig animieren, aktiv zu werden. Ich bin kein dicker Plumpssack, der nur umgeht, wenn er von außen bewegt wird. Es gibt in mir eine innere Stimme, die mich führt, Schritt für Schritt von Aufgabe zu Aufgabe.
  • Ich kann mir vertrauen in meinem Rhythmus, der vielleicht eher zyklisch als geradlinig ist. Nicht nur die Aufgabe ist entscheidend, sondern auch das Timing.
  • Irrwitzigerweise wurde meine Liste kleiner, denn tatsächlich habe ich die To Does freiwillig aus der Lust heraus bearbeitet. Dabei stellte ich fest, dass das alles Aufgaben waren, die mir nicht von außen aufgezwungen wurden, sondern die ich mir ganz alleine und eigenverantwortlich gestellt habe. Was für eine Freude, dem eigenen Ziel zu folgen!
  • Ich muss keine Angst davor haben, dass ich in meinem eigenen Saft schmore und vor lauter Faulheit das Bett nicht mehr verlasse, wenn der innere Antreiber Sendepause hat. In der Hingabe zu meinem eigenen Takt darf ich tanzen und muss nicht marschieren.

lust

Wenn du dich in deinem Hamsterrad der To Does totstrampelst und außer Atem kommst, dann kann dir meine Erfahrung vielleicht Anregung sein, es auch mal zu probieren. Frag dich immer wieder: worauf habe ich gerade Lust? Was auch immer in dir auftaucht als Gedanke, Bild oder Impuls, lass dich dabei nicht verunsichern, wenn du erstmal wie ein Blatt im Wind hin- und hersegelst und nur Dinge tust, die nicht effizient und ergebnisorientiert sind. In diesem Fall kannst du davon ausgehen, dass dich dein Antreiber schon zu lange gegängelt hat und du erstmal eine Verschnaufpause brauchst.

Ich wünsche dir viel Lust beim Leben!

 

Nach Oben

2 Kommentare

  1. Ich kann Dir da nur 100% zustimmen. Genauso erlebe ich es auch. So eine Haltung wird aber immer noch kritisch beäugt. Es müssen Pläne her und Ziele. Aber ich kann damit nicht arbeiten. Mir geht jegliche Motivation verloren, wenn ich planen soll. Stattdessen arbeite ich freudig, wenn ich das mache, worauf ich Lust habe. Erfolgreich ist man damit vielleicht nicht, aber glücklicher.
    Liebe Grüße!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*