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Wenn…dann…! Die Illusion vom Happy End

In drei Wochen ist Hochzeit. Nicht meine eigene, eine Freundin heiratet. Das ist die erste Hochzeit seit vielen Jahren, auf die ich eingeladen bin. Nicht, weil ich sonst nie eingeladen werde, in meinem Freundeskreis wird nur nicht allzu oft geheiratet. Schon vor Monaten war mir klar: wenn ich mich richtig ins Zeug lege, Sport treibe und auf meine Ernährung achte, dann hochzeitwerde ich die perfekte Figur haben, um in dieses perfekte Kleid zu passen, das ich mir extra für diesen Anlass gekauft hatte. Dann werde ich richtig super aussehen, dann bin ich die Königin der Nacht (neben der Braut) und dann werde ich ordentlich auf den Putz hauen. Ich habe mich natürlich nicht ins Zeug gelegt und das Kleid hängt weiterhin im Schrank für den perfekten Dann-Moment. Diese Wenn-Dann-Gedanken kommen immer wieder hoch und versetzen mich in Hochstimmung. Wenn ich erstmal meine Schulden bezahlt habe, dann…! Wenn ich erstmal ein eigenes Auto habe, dann…! Wenn ich im Lotto gewinne, dann…!

Die Wenn-Dann-Schleife ist trügerisch. Man glaubt, das ersehnte Ziel bereits schnuppern zu können. Es fühlt sich greifbar nah an, schließlich weiß man ja, was man zu tun hat, um es zu erreichen. Und auch die Motivationspsychologen sind absolute Fans von Wenn-Dann-Plänen, stellen sie doch eine effektive Strategie dar, die jedes Kind in ihrem Ursache-Wirkungs-Komplex versteht und an dem man sich schön entlanghangeln kann. Nach all meinen Wenn-Dann-Fantasien komm ich allerdings zu einem anderen Urteil.

Das Ziel verspricht immer das große Glück

Eine Wenn-Dann-Überlegung legt den Schwerpunkt auf das Endergebnis, dass wir uns in rosaroten Farben ausmalen. Wir wollen etwas erreichen, einen schöneren Körper, eine lebenslange Partnerschaft und Familie, finanzielle Absicherung. Dafür müssen wir einem bestimmten Fahrplan folgen und wenn wir das getan haben, dann….ja, dann ist alles gut, dann sind wir angekommen, dann können wir uns entspannt zurücklehnen wie ein alter Mann im Schaukelstuhl, genüsslich seine Pfeife rauchend. Noch sind wir getrennt von der unendlichen Glückseligkeit, da ist noch eine Strecke zurückzulegen, doch da ganz weit hinten, da liegt das Glück und wartet auf uns. Doch wenn wir alles genauso machen, wie es uns der erdachte Plan vorgibt, wer sagt uns, dass das Ziel tatsächlich Glück verspricht? Wie können wir uns sicher sein, dass wir dann angekommen sind und uns erfüllt fühlen? Und was ist, wenn wir auf dem Weg zum Glück straucheln, wenn die Dinge anders laufen als geplant?

wegWenn-Dann-Gedanken erzeugen Mangel

Das Wenn-Dann-Spiel ist ein Zeitvertreib unseres Verstandes. Der will immer genau wissen, was um ihn herum geschieht. Unser Verstand braucht Sicherheit. Er will Erklärungen und Begründungen, er braucht Fahrpläne und stützt sich auf logische Zusammenhänge und Schlussfolgerungen, um uns durch das Leben zu navigieren. Das ist seine Funktion, dafür ist er da und dafür ist er gut und richtig. Aber er verweist uns mit seinen Wenn-Dann-Fantasiegebilden immer auch auf das, was gerade nicht so toll ist in unserem Leben. Wir spüren einen Mangel, wir fühlen uns unfertig, irgendetwas fehlt noch. Um den Mangel auszubügeln, müssen wir uns auf den Weg machen. Unser Verstand sagt uns, was wir zu tun haben und verspricht uns, dass bei Befolgen der Anweisungen alles gut werden wird. Erst wenn wir dieses und jenes erreicht haben, können wir zufrieden sein. Die Belohnung, sich durch das Dickicht des Mangels zu kämpfen, ist das Glück am anderen Ende des Weges.

Die Stellschrauben des Lebens drehen durch

In ihrer Logik bedeuten Wenn-Dann-Gedanken, dass das Glück von äußeren Umständen abhängig ist. Die Rahmenbedingungen unseres jetzigen, mangelhaften Daseins sind suboptimal, andernfalls wären wir schon vom großen Glück beseelt. Wir brauchen das neue Auto, um uns frei und unabhängig zu fühlen. Wir brauchen den trainierten Körper, um uns attraktiv und geliebt zu fühlen. Wir brauchen ein gedecktes Konto, um uns sicher zu fühlen. Wir brauchen beruflichen Erfolg, um uns wertvoll zu fühlen. Das Wenn-Dann-Geplänkel unseres Verstandes will uns glauben lassen, dass wir nur an der einen oder anderen Stellschraube drehen müssen, um uns glücklich zu fühlen. Kann mich der (vermeintlich) richtige Partner glücklich machen? Kann ich mich nur in einer Wohnung mit Balkon wie zu Hause fühlen? Muss ich ganz weit weg gehen, um bei mir selbst anzukommen? Wenn ich mich daran zurück erinnere, wie meine Wenn-Dann-Fantasie vor 15 Jahren erstrahlte, muss ich diese Fragen verneinen. Ich bin nun erwachsen, arbeite freiberuflich und habe den richtigen Mann an meiner Seite, all das, was ich mir früher als 18-Jährige ersehnte. Ist es das, was mich glücklich macht? Nein, sagt mein Verstand, der schon wieder die neuesten Wenn-Dann-Gemälde in meinem Kopf malt. Es kann immer noch besser gehen. Dieses und jenes habe ich noch nicht erreicht, da steht noch so einiges im Hausaufgabenheft.

Das Glück wird vertagt

Wenn wir uns auf äußere Umstände beziehen und ewig daran schrauben müssen, um in ferner Zukunft vielleicht und doch nur vage auf das Glück zu treffen, sind wir nie im Hier und Jetzt. Wir klammern uns an eine Illusion, die uns ein Happy End verspricht. Wir sind nicht wirklich zukunftlebendig. Wir arbeiten und werkeln und schuften, nehmen uns in die Mangel, kritisieren uns, bringen uns auf Spur, müssen uns maßregeln und kontrollieren. Wir bleiben durchweg in der Unzufriedenheit stecken. So sehen wir nicht, was uns umgibt. Wir vertagen das Glück, das so unerreichbar vor unserem Gesicht wedelt wie eine Möhre vor dem Esel. Wollen wir es zulassen, dass wir durch die Wenn-Danns unseres Verstandes das ganze Leben versäumen? Wir werden auch ohne diese Illusion unsere Ziele erreichen, den Motivationspsychologen zum Trotz. Denn wir können unserer inneren Stimme vertrauen. Unsere Intuition wird uns ungeplant, spontan und aus dem Bauch heraus auffordern, in den entscheidenden Momenten loszulassen und zuzugreifen. Denn sie reagiert auf das Leben, das von Natur aus nicht vorhersagbar ist. Auch wenn der Verstand Vorhersagen liebt, wir müssen ihnen nicht glauben.

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