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Reiß dich zusammen! Der Schwachsinn vom Luxusproblem

Uns geht es doch hier viel zu gut! Dieses ewige Gejammer über die Problemzonen unseres Lebens, irgendwann muss es auch mal gut sein. Du wurdest gerade von der Liebe deines Lebens verlassen? Tja, so ist das nun mal, damit bist du nicht allein auf der Welt! Dein Chef ist gemein zu dir? Wer hat denn behauptet, dass Arbeit Spaß macht? Du fühlst dich einsam und verletzt? Denk an die Kinder in Afrika!

problemBestimmt flogen auch dir schon solche oder ähnliche Phrasen um die Ohren, als es dir nicht gut ging. Zu Zeiten schlimmer Depressionsschübe versuchte mich ein sehr enger Freund zu überzeugen, dass es mir doch gar nicht so dreckig gehen kann, schließlich muss ich nicht hungern oder im Kriegsgebiet um Leib und Leben fürchten. Dass ich doch das wahre Leben mit seinem wahren Leid gar nicht kennen würde, hier in meinem gemachten Nest. Alles ein Luxusproblem! Ich nehme an, es bedarf keiner näheren Erklärung, warum dieser Mensch nicht mehr zu meinen besten Freunden gehört. Aber damals hatte ich mir diesen verbalen Fausthieb sehr zu Herzen genommen.

Leid ist nicht messbar!

Tatsächlich ist es erschütternd, wenn Menschen wegen Hunger, Krieg und Zerstörung leiden müssen. Es ist schlimm, dass Menschen aufgrund von Unfällen oder von Geburt an körperlich oder geistig so eingeschränkt sind, sodass sie am gesellschaftlichen Leben nur unzureichend teilhaben können. Es ist schlimm, wenn Eltern ihre Kinder verlieren oder Kinder ihre Eltern, wenn Tiere gequält und ausgesetzt werden, wenn Menschen wegen ihrer Herkunft oder Hautfarbe gejagt und verprügelt werden oder wenn alte Menschen allein sterben müssen, weil sich niemand mehr für sie interessiert.

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Aber mindert das mein Leid? Geht es mir besser, wenn ich weiß, dass es anderen schlecht geht? Muss ich mich für mein Leid schuldig fühlen? Nein! Leid ist Leid! Wenn du dich verletzt, traurig, einsam, ungeliebt, missverstanden oder gedemütigt fühlst, dann ist das eine legitime Empfindung, ungeachtet der Umstände, die dazu führten. Leid ist etwas ausschließlich Subjektives. Daher gibt es keine objektive Messlatte, an der beurteilt werden könnte, ob du zu deinem Jammern und Klagen berechtigt bist. Du hast ein Recht auf dein eigenes Übel, weil du ein empfindungsames Wesen bist.

Dein Leid gehört dir!

Wenn du leidest, weil du verlassen wurdest, weil dein Job unbefriedigend ist, weil du die nächste Miete nicht bezahlen kannst oder weil du Zahnweh hast, dann drückt sich darin ein Bedürfnis aus, das nicht erfüllt wird. Diese Bedürfnisse, die Abraham Harold Maslow in seiner berühmten Maslow BedürfnispyramideBedürfnispyramide dargestellt hat, spiegeln sich in jeder menschlichen Existenz wieder. In der Maslow‘schen Betrachtung fallen sämtliche Wertigkeiten oder Priorisierungen weg. Es werden lediglich die Stufen menschlicher Bedürfnisse sichtbar gemacht, die aufeinander aufbauend entstehen können. Und da es keine legitimen und weniger legitimen Bedürfnisse gibt, gibt es auch kein illegitimes Leid. Im Moment des Leidens liegt der Fokus nicht darauf, was du hast, sondern darauf, was dir fehlt. Den Mangel zu spüren und deine Verletzlichkeit auszudrücken, kann dir niemand streitig machen. Dieses Gefühl ist dein Gefühl. Es ist gerade in dir und es ist vollkommen in Ordnung!

Luxusprobleme gibt es nicht!

BankWer dein Leid für ein Luxusproblem hält, der eröffnet dir zwei Wahrheiten über sich. Erstens versucht diese Person ein Gefühl zu rationalisieren und auf Verstandesebene einzuordnen, was aufgrund der Subjektivität von Gefühlen per se nicht möglich ist. Da es sich hierbei um ein gänzlich irrationales Unterfangen handelt, kannst du den Schwachsinn vom Luxusproblem getrost vergessen. Das hat mit der Realität nichts zu tun, ein Aufkommen von Schuld und Scham über dein Leid ist daher nicht notwendig, sogar überflüssig. Zweitens ist es ein Ausdruck des fehlenden Zugangs zu den eigenen leidhaften Empfindungen. Der Luxusproblembeschwörer hat es augenscheinlich verlernt oder vergessen, seine Gefühle der Verletzlichkeit zu spüren und ist total überfordert, auf fremde Leidensgefühle adäquat einzugehen. Wenn er es könnte, würde er dein Leid nicht kleinreden, sondern Mitgefühl für dich entwickeln.

Lass deine Probleme also nicht degradieren. Indem du offen bist für deine Verletzlichkeit und den Schmerz spürst, hast du den Vertretern des Luxusproblems in Sachen Lebendigkeit jede Menge voraus.

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