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Alle anderen, nur nie ich! Das ewige Leid des Vergleichens

Wenn ich durch die Stadt laufe, auf einer Party bin oder mich im Wartezimmer beim Arzt den aktuellen Klatschblättern zuwende, kommt immer ein und derselbe Gedanke auf: “Der oder die hat, was ich nicht habe.” Ich fange ganz automatisch an, mich mit anderen Personen zu vergleichen und komme dabei nie besonders gut weg. Die eine ist attraktiver als ich, der andere ist erfolgreicher, wiederum ein anderer gescheiter und viel interessanter, und am allerschlimmsten ist es, wenn jemand all diese bevorzugten Attribute in einer Person vereint. Wie abartig! Da kotz ich schonmal im Strahl. Denn allein der Vergleichsvorgang in meinem Kopf wäre ja kaum der Rede wert, würden sich nicht gleichzeitig in der Bewertung des objektiven Unterschieds zwischen mir und meinem Gegenüber Gefühle in meinem Magen auftun, die mir den ganzen Tag versauen. Ich fühle mich minderwertig, mangelhaft, unfertig, unattraktiv, erfolglos…kommt dir das irgendwie bekannt vor?

Bähm! Gedanke – Bewertung – Abgleich – Gefühl

Im Bruchteil einer Sekunde wird eine Kettenreaktion ausgelöst, die wir uns mal in slow motion ansehen können:

Ich sehe Person X – ich setze mich zu dieser Person ins Verhältnis – ich erkenne einen Unterschied – ich bewerte diesen Unterschied – ich ziehe Rückschlüsse auf mich – ich entwickle ein Gefühl

Worauf wir im Vergleich zu anderen ein genaues Augenmerk legen, ist unterschiedlich und jeweils abhängig von bestimmten Themen, die sich im Laufe unseres Lebens manifestieren. Nun ist der Vergleich an sich kein verteufelungswürdiges Phänomen, er hat durchaus seine Funktion. Durch den Vergleich verorten wir uns in unserer Umwelt. Wir bewerten, filtern und kategorisieren die Eindrücke von außen und stellen eine Beziehung zu uns selbst her. Wir wollen uns unseres Selbst gewahr werden. Wir bilden mithilfe des Vergleichs unsere Identität aus, auf die wir in allen Lebenslagen zurückgreifen können. Wir müssen uns unserer Selbst vergewissern. Mit dem Abgleich zu anderen geben wir uns einen Platz in der Welt.

Kein Platz an der Sonne modelle

Dummerweise ziehen wir bei Vergleichen mit anderen meistens den Kürzeren. Anstatt uns ein gemütliches Plätzchen einzurichten, an dem wir uns selbst genug sein können und für uns die besten Absichten haben, torpedieren wir uns lieber mit negativen Rückschlüssen. Das Urteil, nicht genug oder perfekt zu sein, etwas nicht zu haben und sich durch den Vergleich zu anderen unzulänglich zu fühlen, grenzt an reiner Selbstsabotage. Nicht nur, dass wir uns ein schlechtes Bild von uns selbst einimpfen, wir projizieren es gleichwohl nach außen.

„Mich kann ja keiner mögen, weil….“

„Ich werde nie beruflich erfolgreich sein, weil…“

„Ich muss mir gar nichts vornehmen, weil….“

„Alle anderen, nur nie ich!“

Wir beginnen, uns mit einem Mangel zu identifizieren, den wir für einen exorbitanten Anteil unseres Wesens halten und der all die Geschicke unseres Lebens lenkt. Obendrein suchen wir die Bestätigung im Außen, schließlich wollen wir wissen, wo wir in der Welt stehen, und finden sie regelmäßig prompt. Dieses Phänomen ist wohlbekannt unter dem Begriff der „selbsterfüllenden Prophezeiung“.

Ertappt! Der Realitätscheck beim Vergleichen

Wenn du dich selbst immer wieder dabei ertappst, andere viel toller und viel schöner zu finden und dir selbst ein Armutszeugnis auszustellen, dann sei dir über folgende Dinge bewusst:

1. Deine Gedanken sind keine rationale Abbildung der Realität, sondern ein Konstrukt, das du gelernt hast.

2. Das gedankliche Konstrukt beinhaltet Urteile. Urteile sind Zuschreibungen, dass etwas gut oder schlecht, erstrebenswert oder armselig ist.

3. Die Beurteilung einer anderen Person ist eine Mutmaßung. Du weißt nicht, ob sie glücklich ist oder sich begehrenswert fühlt oder ganz andere Sorgen hat, die sie belasten. Du bewertest ein Attribut als positiv, das der Betreffende nicht unbedingt genauso bewertet.

4. Das Urteil über dich selbst ist kein Zeichen deiner realen Schwächen, sondern ein Zeichen deiner mangelnden Akzeptanz. Ungeachtet, um welchen Anteil deiner Persönlichkeit es sich handelt. Der übergeordnete Leitsatz lautet: “Ich will nicht so sein, wie ich bin.“

5. Hinter deiner Ablehnung steckt ein Bedürfnis, z.B. nach Anerkennung, nach Beachtung, nach Wertschätzung, nach Schutz….

6. Dieses Bedürfnis verknüpfst du mit einem äußerlichen Attribut: wenn jemand attraktiv ist, wird er bewundert bzw. wahrgenommen. Wenn jemand erfolgreich ist, wird er anerkannt und geschätzt.

Was sagt dir also im Umkehrschluss das Ergebnis deines Vergleichs über dein eigenes Selbstbild? Welches Bedürfnis kommt bei dir durch deine Urteile und Bewertungen zum Vorschein? Welche Attribute triggern dich immer wieder? Wie wärst du eigentlich gerne und was hält dich davon ab?

Stell dir einmal vor, wie das wäre, so zu sein, wie du es dir wünschst. Stell dir vor, das zu tun, was du schon immer wolltest. Schreib es dir vielleicht in Stichpunkten auf und fühl dich in diese Situation hinein. Und dann denk an das Vergleichsobjekt, die andere Person. Spielt sie überhaupt noch eine Rolle?

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