Therapie
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Antidepressiva & Co: Ja?! Nein?! Vielleicht?!

Manchmal fühlen wir uns hilflos gegenüber den emotionalen Auswüchsen unserer Psyche. Dann reichen Versuche, das innere Gleichgewicht durch Yoga, Meditation oder positives Denken wiederherzustellen, nicht aus. Sind Psychopharmaka die Lösung? Oder stellen sie eine Bankrotterklärung für das eigene Leben dar? Mit Antidepressiva & Co geht man hierzulande hart ins Gericht. Eine gute Gelegenheit, die Vorbehalte mal unter die Lupe zu nehmen.

Wer gibt schon gerne zu, dass er Psychopharmaka nimmt? Ich tue es! Nicht unbedingt gern, aber dafür (mittlerweile) ohne Scham. Über drei Jahre war ein Antidepressivum mein Starter in den Tag. Bis ich soweit war, unverfänglich darüber zu sprechen, hatte ich mit vielen Vorbehalten in mir zu kämpfen, denn der Einzug von Psychopharmaka in mein Leben galt als eindeutiger Beweis dafür, dass ich nicht normal bin. Dass ich zu den Schwächlingen gehöre, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen und sich dopen müssen, um den Anforderungen gewachsen zu sein. Wie mir geht es vielen Menschen, die auf diese pharmakologische Krücke zurückgreifen müssen. Die Angst vor Abhängigkeit, Persönlichkeitsveränderung und starken Nebenwirkungen ist gewaltig und dann ist da noch die Stigmatisierung von außen. Bin ich nur ein halber Mensch? Wieso schaffen es alle anderen, nur nicht ich? Wie soll ich das jemandem erklären?

Eine Frage von Leben und Tod

depression-824998__180Tatsache ist: wer sich für Psychopharmaka entscheidet, sieht keine andere Wahl. Meist hat er auch keine. Vor meinem Gang zum Psychiater lagen Monate schwerster Depressionen. Ich konnte nicht aufstehen, kreiste in Gedanken von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Ich fühlte mich innerlich leer, hatte keine Kraft, die einfachsten Dinge wie den Einkauf oder den Haushalt zu erledigen. Ich hatte Angst in Kontakt mit anderen, an öffentlichen Plätzen, konnte mich nicht orientieren oder ein Wort herausbringen. Ich fühlte mich wie gegen eine Wand gepresst und bekam keine Luft. Die Zeit wurde zur Belastungsprobe, denn schon morgens beim Wachwerden war mir der Tag viel zu lang. Da saß ich nun, zugeschnürt, unfähig, mich aus der Lethargie und Sinnlosigkeit meines Daseins zu befreien. In dieser Erstarrung, als die Gefühle unaufhörlich und unaufhaltsam eine Abwärtsspirale hinunterpurzelten und ich bei der phantasiereichen Ausschmückung meines eigenen Ablebens vor mir selbst erschrak, stellte sich mir diese eine Frage: Leben oder Tod?

Um nichts anderes geht es! Wer sich für Psychopharmaka entscheidet, entscheidet sich für das Leben. Und wer behauptet, mit einem Rezept in der Hand will man es sich nur leicht machen, der ist ein Dummkopf. Denn er hat nicht verstanden, dass die Ursachen in beinharten psychischen Erkrankungen liegen, denen teilweise jahrelange Leidenswege vorausgehen. In schweren Phasen psychischer Störungen – das können Ängste, Depressionen, bipolare Störungen, psychotische Zustände oder Zwänge sein – braucht es Unterstützung von außen, um den ersten Schritt zur Besserung zu gehen. Oft handelt es sich hierbei um Psychopharmaka. Ich persönlich bin dankbar für jede Pille, die letztlich Leben retten kann.

Probieren geht über studieren

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Das Mittel der Wahl ist nicht immer leicht zu finden. Es gibt unzählige, verschiedene Pillen mit unterschiedlichen Wirkungsweisen und genauso vielfältigen Nebenwirkungen. Jedoch keine Panik! Die beschriebenen Nebenwirkungen treffen nicht auf jeden Patienten zu. Sie können auftreten, müssen aber nicht. Ein guter Psychiater wird engmaschig mit dir ausprobieren, welches Arzneimittel dir am besten entspricht. Ja, du hast richtig gehört: er wird es ausprobieren, denn psychische Erkrankungen sind trotz der medizinischen Klassifizierungen bei jedem Menschen ganz individuell ausgeprägt. Der eine isst nichts mehr, während der andere sich vollstopft. Der eine kann nicht schlafen, der andere kommt gar nicht aus dem Bett. Und so ist es auch mit den Nebenwirkungen bei Psychopharmaka. Während du gar keine gravierenden Nebenwirkungen verspürst mit einer Pille deiner Wahl, nimmt der nächste vielleicht auf das gleiche Präparat enorm zu, kriegt Kopfschmerzen oder muss in einer Tour aufs Klo. In diesem Fall ist es geboten, mit dem Psychiater Rücksprache zu halten und entweder die Dosis anzupassen oder gleich das Medikament zu wechseln. Also: es ist kein Indiz für mangelnde Fachkompetenz, wenn dein behandelnder Arzt für dich gefühlt ins Blaue rät und dir erstmal was verschreibt. In der Regel hat der Psychiater die fachliche Kenntnis und die entsprechenden Erfahrungen mit unterschiedlichen Präparaten gemacht und weiß ganz genau, welches Medikament ein guter Einstieg wäre. Ich persönlich hatte Glück, denn nach anfänglichen Schwierigkeiten bin ich an einen Psychiater geraten, der mir eine Art Breitbandantidepressivum verschrieben hatte, mit dem der Großteil der behandelten Patienten gut zurecht kommt. Ich hatte keine unerwünschten Erscheinungen, ganz im Gegenteil: meine Stimmung hatte sich nach ca. 2 Wochen gelichtet, ich spürte einen stärkeren Antrieb und konnte die alltäglichen Anforderungen des Lebens besser bewältigen, sei es auch nur der leidige Einkauf.

Persönlichkeitsveränderung? Persönlichkeitsentfaltung!

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Als depressive Untote, die ich jahrelang war, hatte ich kein Gespür mehr dafür, wer ich bin oder was ich eigentlich kann. Über mir lag ein dichter Nebel, der alles eintrübte, was irgendwie hätte Freude in diesem Leben machen können. Mir Ziele zu setzen, Struktur in meinen Alltag zu bringen, Freundschaften zu pflegen, einem Beruf nachzugehen – all diese ganz normalen Dingen, die dem gesunden Menschen locker von der Hand gehen, waren für mich undenkbar und in weiter Ferne. Das Antidepressivum war der erste Schritt zur Besserung, denn es erhellte nicht nur meinen Blick und meine Stimmung, sondern machte mich im nächsten Schritt erst therapiefähig. Denn, was andere für einen riesen Luxus halten (was eine Therapie zweifellos sein kann), ist im ersten Moment ein echter Knochenjob. Sich der eigenen Lebensgeschichte zu stellen  mit Verletzungen, Enttäuschungen und Traumatisierungen in der Kindheit, die tiefsitzenden Gedankenspiralen und Gefühle zu erkennen und dann auch noch sein Verhalten neu zu strukturieren und umzuwandeln, ist vergleichbar mit einem Schlaganfallpatienten, der neu sprechen und laufen lernen muss. Es braucht viel Geduld und den festen Willen, jeden Tag auf’s Neue seine Hausaufgaben zu machen und sich den Dingen zu stellen. Gleichzeitig ermöglicht die Kombi aus Tabletten und Therapie eine Wiederentdeckung deiner ureigenen Kräfte. Du lernst dich neu kennen, entdeckst Potenziale und Wünsche in dir, die dich vielleicht komplett überraschen. In jedem Fall entwickelst du dich weiter, setzt dich mit dir und deiner Umwelt ganz bewusst auseinander, stellst fest, was du willst und was dir überhaupt nicht passt, legst deinen Fokus neu und gestaltest deine Gegenwart und Zukunft. Selbstbestimmt! Bedacht! Wohlwollend!

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2 Kommentare

  1. Magret sagt

    Habe wegn meiner depression einen tollen job aufgegeben. Werde dies ewig bereuen….

    • brotundbuddha.de sagt

      Liebe Magret,

      Reue ist immer eine fiese Begleitung, denn sie verhindert, dass wir uns mit etwas aussöhnen. Es tut mir leid, dass du deinen Job aufgeben musstest und ich verstehe, dass du darüber traurig bist. Ich möchte dich jedoch dazu einladen, milde mit dir zu sein. Depression ist eine Krankheit, die uns in die Knie zwingen kann. Und weil das so ist, kannst du nichts dafür, es ist nicht deine Schuld. Deshalb darfst du nachsichtig mit dir sein. Ich wünsche dir, dass du dich irgendwann aussöhnen kannst und sich eine neue, tolle Gelegenheit eröffnet.

      Liebe Grüße, Heidi

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